Und täglich grüßt das – Rezensionsexemplar?! 3 Vorurteile und mein Senf

Hallo, ihr Lieben!

Heute habe ich zwei Klausuren geschrieben, eine liegt diese Woche noch vor mir. Ich bin also gerade ein kleines, emotionales Wrack. Das kennt ihr vielleicht: Wenn ihr euch ein paar Stunden vollkommen auf eine Sache konzentriert habt, am besten irgendeine Kopfarbeit, und dann auf einmal Zeit habt, um wieder runterzukommen – da seid ihr erst einmal völlig erledigt. Ich werde dann auch immer total bleich im Gesicht, weil alles Blut, das mir zum „arbeiten“ in den Kopf geschossen war, wieder in südlichere Gefilde sackt, bis ich meinen Kreislauf wieder in Gang gebracht bekomme.
Was macht man, wenn man zu nichts wirklich zu gebrauchen ist und die Augen zu müde zum Lesen sind, man selbst aber nicht müde genug zum Schlafen ist? Richtig, man surft im Internet und lässt im Hintergrund Musik dudeln – in diesem Fall läuft bei mir One Direction rauf und runter.

Ich stieß also gerade auf eine Frage von Janna im #litnetzwerk auf Facebook, in der sie das ewige Thema der Transparenz auf Blogs in Bezug auf Rezensionsexemplare wieder aufwärmte. Das klingt jetzt sehr negativ, aber so meine ich das gar nicht. Ich finde es, ganz im Gegenteil, sehr wichtig, das solche Themen (gerne auch wiederholt) angesprochen werden, sodass jeder die Gelegenheit hat, sich dazu auszusprechen oder auch Fragen zu stellen. Denn die Bloggersphäre ist ja irgendwie alles andere als eindeutig und klar geregelt, leider auch, was die rechtlichen Dinge angeht – das ist jedenfalls nach bald drei Jahren Bloggen mein Eindruck.

Durch den oben verlinkten Beitrag angeregt habe ich jetzt das Bedürfnis, in ausführlicherer Form meinen Senf zu diesem Thema und zwei weiteren abzugeben. Dabei drücke ich mich manchmal recht direkt aus; sollte sich also jemand auf den Schlips oder Rockzipfel getreten fühlen, nehmt es mir bitte nicht übel. Ich versuche, Missverständnisse zu vermeiden und meine persönliche Meinung zu erläutern. Und ich habe die Tendenz zu Schachtelsätzen. Lasst euch davon nicht abschrecken, bitte!
Es würde mich freuen, wenn ihr einen Kommentar mit eurer Meinung und / oder eurer Kritik an meinen Ansichten hinterlassen mögt. Ich finde es interessant, wie verschiedene Leute über diese Themen denken.


1 – Rezensionsexemplare bei Verlagen anfragen – Reine Profitgier?

Ein Aspekt taucht im Zusammenhang mit Rezensionsexemplaren immer auf, sobald das Thema auf den Tisch kommt: Darf man als Blogger guten Gewissens bei Verlagen Rezensionsexemplare anfragen?
Häufig lese ich bei Twitter oder Facebook, manchmal sogar auf Blogs, dass sie (die Autoren der jeweiligen Beiträge) „nicht verstehen, dass ein Blogger XY so-und-so viele Rezensionsexemplare beim Verlag Z angefragt hat; dass quasi jede Rezension auf Blog XY durch diese Exemplare gefüttert wurde. Wo käme man denn hin, wenn jeder um solche Exemplare bitten würde! Dieser Blogger XY ist ja nur auf Freiexemplare aus, sonst würde der doch niemals bloggen!“ (Okay, das ist etwas überspitzt formuliert – hoffe ich! – aber ihr versteht, worauf ich hinaus will.)

Meine Meinung

Dieses Kontingent an Rezensionsexemplaren haben die Verlage für die Presse eingerichtet. Spätestens, wenn man als Blogger für eine der Buchmessen akkreditiert wird (und die Kriterien für zumindest die Frankfurter Buchmesse sind meines Erachtens nicht sonderlich streng), sollte sich die Frage, ob man als Buchblogger eine presseähnliche Funktion hat, geklärt haben. Damit hat ein Blogger das Recht, das Pressekontingent zu nutzen. Und die Verlage (ich verallgemeinere an dieser Stelle der Einfachheit halber) erkennen Buchblogger, BookTuber, Bookstagrammer und wie sie alle heißen inzwischen definitiv als Multiplikatoren an. Warum bitteschön sollte man also das Angebot, das für exakt unseren Buchblogger-Zweck gemacht wird, nicht nutzen? Dass man das entsprechende Buch behalten darf, ist einerseits ein Bonus, andererseits auch irgendwie selbstverständlich; ginge es um das Testen und Bewerten von irgendwelchen Beauty-Produkten, wäre es schön blöd, die angebrochenen Tuben und Tiegel zurückzuverlangen. Warum sollte es bei Büchern also anders sein?


2 – Rezensionsexemplare kenntlich machen – Transparenz?

Ach ja, das leidige Thema. Um mit der Stimme der Meckerheinis zu sprechen: „Wenn man schon Rezensionsexemplare anfragt, dann muss man sie doch wenigstens kennzeichnen! Sonst weiß der Leser des Blogs doch gar nicht, dass das Buch quasi eine Bezahlung des Verlags war!“

Meine Meinung

Nö.

Okay, das muss ich vielleicht etwas ausführlicher formulieren: Solange nicht dafür bezahlt wird, dass ein bestimmtes Buch oder ein bestimmter Verlag besprochen wird, solange es also nicht explizit um Werbung geht, muss ein Rezensionsexemplar nicht als solches gekennzeichnet werden. Ein Rezensionsexemplar verstehe ich eindeutig nicht als Bezahlung. Mit der Rechnung, den Wert des Buches auf die verwendeten „Arbeits-“ Stunden (Lesen, Nachdenken und Meinungsbildung, Schreiben der Rezension, wieder Nachdenken und Umentscheiden, Formatieren etc.) zu übertragen und der daran anschließenden Überlegung, dass man sich dann doch recht unterbezahlt vorkommen müsste, mag ich gar nicht anfangen. (Okay, okay, scheinbar doch.) Ich sehe ein Rezensionsexemplar eher als Gegenleistung vonseiten des Verlags und Arbeitsmaterial, wenn man es so nennen will: Ich bekomme einen Gegenstand zur Verfügung gestellt, in diesem Fall das Buch, kann damit tun und lassen, was ich möchte, und gebe anschließend öffentlich – und die Öffentlichkeit ist an dieser Stelle der Knackpunkt – meine Meinung darüber zum Besten. Punktum.

(PS: Ich mag das Wort „Punktum“. Das ist fast so schön wie „Basta!“, heißt dasselbe und klingt etwas sachlicher, sodass man es häufig ungesehen irgendwo einschleusen und sich dann ins Fäustchen lachen kann, wenn es niemandem auffällt… 🙂 )


3 – Rezensionsexemplare beeinflussen die Meinung – Objektivität?

„Jaja! Aber wenn man ein Buch rezensiert, dass man kostenlos bekommen hat, dann – dann bewertet man das doch automatisch besser, aus Dankbarkeit für den Verlag oder so!“

Meine Meinung

(Achtung, das wird ein laaanger Text. Aber es lohnt sich, versprochen!)

Pfft. Grundlegend muss eines klar sein: Rezensionen sind immer subjektiv. So sehr Literaturkritiker in Radio und Fernsehen oder großen Zeitungen auch auf ihre Objektivität pochen mögen: Jede Rezension ist von dem persönlichen Empfinden ihres Verfassers beeinflusst. Wie nimmt er die Welt wahr, welche Ansichten zu welchem Thema vertritt er, wie belesen ist er in dem besprochenen Genre, und, und, und. Solche Aspekte haben vielleicht im ersten Moment nichts mit dem besprochenen Buch zu tun, aber wenn Kritiker X die politische und / oder religiöse Einstellung Y vertritt, nimmt er einen historischen Roman über den zweiten Weltkrieg und einen Roman über die erste homosexuelle Liebe einer jungen Frau mit Sicherheit anders wahr, als Kritiker A mit der politischen / religiösen Einstellung B. Diese Einstellung zu einem Thema muss nicht immer ausdrücklich in einer Rezension zur Sprache kommen, aber die Illusion von Objektivität ist eben nichts weiter als das, eine Illusion.

Da das nun geklärt ist, kommen wir zur Meinungsbeeinflussung, die uns Buchbloggern gern unterstellt wird. Ich streite nicht ab, dass es mich beeinflussen kann, wenn ich ein Buch geschenkt bekomme. Ich erinnere mich genau, dass ich ein Buch nur deshalb zu Ende gelesen habe, weil ich es zu Weihnachten von meiner Schwester geschenkt bekam und sie stolz wie Oskar war, dass sie ein mir noch Unbekanntes gefunden hatte. Ich wollte ihr nicht hinterher sagen müssen, dass ich es nicht wirklich gut fand (habe ich doch gemacht, aber es vorsichtig formuliert – sie ist da etwas empfindlich) und mir deshalb nicht einmal die Mühe gemacht hätte, es zu beenden. Auch Rezensionsexemplare beeinflussen mich ein bisschen in meinem Leseverhalten: Die Bücher, die ich bekommen habe, um sie zu rezensieren, lese ich zuerst – schließlich soll der Verlag nicht ewig darauf warten, dass die versprochene Besprechung erscheint. Ich ziehe sie also gewissermaßen meinen SuB-Büchern vor, wenn man es so formulieren will. Also ja, meine Herangehensweise wird definitiv beeinflusst, wenn ich ein Buch geschenkt oder zur Verfügung gestellt bekomme. Aber meine Meinung? Nicht wirklich. Jedenfalls nicht im positiven Sinne. Ganz im Gegenteil, ich ertappe mich manchmal bei dem Gedanken, dass ich doch mit einem Rezensionsexemplar kritischer umgehen müsste. Dadurch kann es passieren, dass ich ein Rezensionsexemplar mit beispielsweise drei Punkten bewerten möchte, obwohl das gleiche Buch vier bekommen hätte, wenn es ein Gekauftes wäre. Warum? Keine Ahnung. Diese Bücher lese ich ja zum selben Zweck wie die, die ich selbst kaufe: Belletristik zur Unterhaltung, Sachbücher zur Bildung, Kochbücher erklären sich hoffentlich von selbst.

Und ja, selbstverständlich bin ich dem Verlag dankbar dafür, dass er mir ein Buch zur Verfügung stellt. Bei meinem zugegebenermaßen gewaltigen Lesekonsum und meinem vergleichsweise winzigen Studenteneinkommen durch BAföG könnte ich mir niemals all die Bücher leisten, die ich jetzt innerhalb eines Jahres lese. Deshalb schreibe ich brav für jedes Rezensionsexemplar, das mir zur Verfügung gestellt wird, eine „Dankeschön!“-E-Mail vorweg und eine mit dem Rezensionslink (solange es nicht über das Bloggerportal oder so läuft) nach der Veröffentlichung. Und ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn es lange dauert oder ich ein Buch sogar abbreche. Das habe ich bisher bei dreien gemacht, die ich aus Eigeninitiative angefragt hatte; da hat mich der Klappentext so in die Irre geführt, dass ich das Buch im Gegensatz zu meiner Erwartung überhaupt nicht leiden konnte. Und wenn ich von einem Verlag oder Autor angeschrieben werde – sie also explizit mich als Rezensenten haben wollen! – dann führe ich ein Freudentänzchen auf, selbst, wenn ich die Anfrage aus Zeitmangel höflich ablehnen muss oder weil mir das Genre nicht liegt. Allein das Interesse an mir, meinem Blog und meiner Meinung – meiner Meinung! – ist jedes Mal wieder eine Überraschung und ein tolles Erlebnis für mich. Daran ist nichts selbstverständlich, auch nach drei Jahren nicht.

Aber zurück zur Meinungsbeeinflussung. Nehmen wir einmal an, ich ließe mich tatsächlich davon beeinflussen, dass das Buch, das ich gerade rezensiere, ein Rezensionsexemplar und kein selbst gekaufter Roman (ich spreche von einem Roman, weil ich diese am häufigsten lese) ist. Gehen wir außerdem davon aus, dass ich in diesem fiktiven Fall sehr negativ beeinflusst würde (was ich selbst in diesem hypothetischen Fall nicht nachvollziehen kann, aber tun wir mal so, als ob). In dieser Theorie schreibe ich also eine Rezension, die das Buch nicht nur schlecht bewertet, sondern in der ich mich so ordentlich über alles aufrege. Einen richtigen Rant, um das tolle Wort zu verwenden, das ich in den letzten Monaten von der Community gelernt habe.
Selbst in diesem Fall wäre es dem Verlag erst einmal egal, dass ich das Buch auf Teufel komm raus nicht ausstehen konnte! In erster Linie ist wichtig, dass ich über das Buch spreche, und das öffentlich – auf meinem Blog und möglicherweise in Sozialen Netzwerken. Eigentlich ist es auch gar nicht so schlecht, dass ich das Buch so kritisiere, denn das regt eine Diskussion mit anderen (potentiellen) Rezensenten und Lesern an, denn das sind die Menschen, die sich im Normalfall auf Buchblogs und den dazugehörigen Profilen der Sozialen Netzwerke herumtreiben. Das Buch ist also vorerst in aller Munde. Wen kümmert es, dass ich es hasse, wenn das dazu führt, dass drei andere Leute es kaufen, um an der Diskussion teilnehmen zu können? Der Verlag hat damit drei Bücher mehr verkauft und ich dadurch meine Rolle als Multiplikator erfüllt. Das ist alles, was auf erster Ebene wichtig ist. (PS: Kommt euch diese Situation bekannt vor? #bbfliest auf Twitter lässt / ließ sich ausführlich negativ über Trinity aus.)

Erst in zweiter Linie wird meine tatsächliche Meinung dann wichtig, wenn es dem Verlag darum geht, das eigene Programm zu verändern oder zu verbessern. Ist man sich unsicher, welcher Altersstufe man ein bestimmtes Buch empfehlen oder ob man eine junge Selfpublisher-Autorin ins Verlagsprogramm aufnehmen sollte; ob ein Krimi zu blutig ist, um als Jugendbuch durchzugehen oder ein Cover sich dazu eignet, Leser anzuziehen? Diese und andere Dinge können manchmal direkt, manchmal nach und nach durch Rezensionen beeinflusst werden. Einen direkten Effekt sieht man als einzelner Rezensent wohl nur, wenn ein Zitat aus der eigenen Rezension in irgendeiner Weise verwendet wird, denn das funktioniert wohl häufig nicht ohne die Kommunikation zwischen Verlag und Rezensent. Aber die Masse an Rezensionen (durch das Angebot von Rezensionsexemplaren quasi aus der Bloggercommunity herausgekitzelt), die häufig kurz vor oder nach Erscheinen eines Buches auftaucht, kann durchaus einen Effekt erzielen.
Ein Beispiel, wie negative Rezensionen ein Buch positiv beeinflussen können, ist mir erst kürzlich aufgefallen: Ich selbst habe Das Reich der sieben Höfe von Sarah J. Maas (noch) nicht gelesen, aber in vielen Rezensionen hat man sich über einen Vogel auf dem Cover aufgeregt. Was genau daran so störend war, habe ich nicht mehr auf dem Schirm, und ich kann es außerdem wie gesagt nicht in Bezug zum Inhalt setzen, aber das ist an dieser Stelle auch unwichtig. Auf dem Cover der Ersterscheinung ist dieser Vogel, der auf dem Leseexemplar war, das einige Blogger bekommen hatten, nämlich nicht mehr zu sehen. Diejenigen, den besagter Vogel störte, haben ihre Meinung also laut genug zum Ausdruck gebracht und scheinbar auch gut genug begründet, dass der Verlag, in diesem Fall dtv, seine Covergestaltung tatsächlich überdacht und verändert hat. Ich bezweifle, dass es darum ging, es einem Rezensenten recht zu machen, sondern eher darum, das Buch massentauglich zu gestalten. Dennoch ist dies ein ideales Beispiel dafür, dass negative Rezensionen nichts Schlechtes sein müssen.


Mit diesen weisen Worten verabschiede ich mich für heute von euch und bin gespannt auf eure Meinungen zu diesen drei Vorurteilen rund um Rezensionsexemplare und ihre Verwendung.

Und darauf, was ihr von diesem Artikel haltet, den ich im Halbschlaf beende. Wollt ihr mehr dieser Art hier lesen oder geht euch das jetzt schon auf die Nerven?

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27 Kommentare zu “Und täglich grüßt das – Rezensionsexemplar?! 3 Vorurteile und mein Senf

  1. Hey,
    es wundert mich noch immer, dass es die Blogger so spaltet bzw. solch große Diskussionen entfacht.
    Dabei muss ich zugeben, dass sich meine Meinung in den letzten Monaten in Bezug auf Rezensionsexemplare geändert hat. Früher war das eher so „Mh, find ich seltsam. Dann fühl ich mich so genötigt, wenn ich etwas annehme“. Eben so wie du es geschrieben hast. Heute ist es eher so „Das würd ich mir niemals kaufen, weil es nicht in mein Beuteschema passt. Aber ich würde gerne was neues ausprobieren und anfragen kostet nichts.“
    Dein Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf. Danke 😀
    Liebe Grüße
    Kaddes

    • Hey,
      ja, das hat mich auch erstaunt, als ich das erste Mal in so eine Diskussion gestolpert bin. Ich denke, das liegt daran, dass es keine klaren Regelungen gibt und man schwer an die Meinungen von Lesern, die NICHT gleichzeitig Blogger sind, kommt oder diese Meinungen dann doch eher untergehen.
      Da stimme ich dir zu, ich schaue auch lieber über den Tellerrand, wenn ich mich dafür nicht in Unkosten stürzen muss. 😉 Danke für dein Feedback! LG

  2. Pingback: Geekgeflüster Februar '17: Damsels in distress, kritisches Lesen und Universe of Gods | Geekgeflüster

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