[Studium] Bleisatz 4 – Ende

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Woche 4, oder:

Pressen!
(Auf den Knopf – was dachtet ihr denn?!)

Die letzte Sitzung meines Bleisatzkurses drehte sich nur um das eine: Unser endgültiges Zertifikat. Der Beleg, dass wir vier Teilnehmer tatsächlich beherrschen, was man uns beigebracht hat, und uns auch trauen, ein offizielles Dokument damit herzustellen. Ich beschreibe euch heute also den Prozess des tatsächlichen Druckens und die damit verbundenen Vorbereitungsschritte. 


An den Kopf des Zertifikats gehört traditionell das Logo der Universität. Dies ist in einem intensiven Rot gestaltet, das auch so auf dem Dokument abzudrucken ist. Meiner Meinung nach erinnert das Rot des Logos mit dem Schwarz des Textes und dem Weiß des Papiers sehr an die Farben des Deutschen Reiches – und das sahen die übrigen auch so – aber es war nicht so augenfällig, dass es stören würde. Zuerst wurde der Satz mit dem Schiff zur Andruckpresse (ich nenne sie im Folgenden liebevoll „Maschine“) getragen und dort nach der Entfernung der Schnur (die kann in die Rollen der Maschine geraten und ordentlichen Schaden anrichten) mittels sehr starker Magneten und weiteren Bleistücken eingespannt, sodass er sich nicht mehr verrücken ließ. In diesem ersten Schritt wurde nur das Logo der Universität verwendet, weil es in einer anderen Farbe als der Text dargestellt wurde. Dabei ist es schwierig, die genaue Platzierung des Logos abzumessen, damit es nach dem Druck an der richtigen Stelle auf dem Dokument sitzt. Nachdem das Logo mit den Magneten fixiert war, wurden zwei Schienen links und rechts an den Satz gelegt. Auf diesen Schienen fuhren wir später mit der Farbrolle entlang. Die Farbe für das Logo wurde von unserem Dozenten mit einem Spachtel auf einen Block aufgetragen. Ich hatte nicht erwartet, dass sie so zähflüssig sein würde! Je nach Witterung ist der Zustand wohl auch unterschiedlich; im Sommersemester ist sie wesentlich flüssiger, als im kalten Wintersemester. Nach dem Auftragen wurde die Farbe mit einer Farbrolle mit glatter Oberfläche aufgenommen, was ein richtig schön schmatzendes Geräusch von sich gegeben hat. Das hätte ich den ganzen Tag tun können… Danach wurde diese Rolle ein Mal über die lose angelegten Schienen und damit auch über das eingespannte Logo geführt. Die Farbrolle wurde beiseite gelegt, ein Bogen Papier in die Maschine eingespannt und dann durften wir endlich auf den großen (leider nicht roten) Knopf drücken. Zack, die Maschine war unterwegs. Das Blatt Papier wurde um die erste Rolle gezogen, über das eingefärbte Logo gerollt, hat die Farbe aufgenommen und wurde wieder zurückbefördert. Nach dem Abnehmen des Papiers konnten wir sehen, dass die Hohlräume des Logos, also die Stellen, an denen weiße Schrift übrig blieb, nicht komplett und makellos waren. Es war also zu viel Farbe auf dem Satz gewesen, sodass diese in die Hohlräume gezogen war. Um die richtige Menge Farbe zu bestimmen braucht man jede Menge Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Wir brauchten ein paar Anläufe, bis wir brauchbare Vorlagen erzeugen konnten.


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Eine Andruckpresse wie die, mit der wir gearbeitet haben – nur etwas kleiner. Quelle


Dann kam der Teil mit dem Text. Weil wir diesen in Teamwork selbst gesetzt hatten, war das Ergebnis dieses Arbeitsschrittes noch viel spannender für uns. Auch hier gilt wieder: Satz einspannen, Schnur entfernen und den Text mit Magneten fixieren, Leitschienen für die Farbrolle anlegen, Farbe auf den Block auftragen, mit einer weiteren Farbrolle (neue Farbe) aufnehmen und vorsichtig in einer Schicht auf den Satz auftragen. Dann wird das Papier eingespannt – dieses Mal trägt das Papier schon das rote Universitäts-Logo – und auf den Knopf gedrückt. Zack, wieder rollt die Maschine los und macht dabei ihre herrlichen Geräusche. Es ist so toll, am sprichwörtlichen langen Hebel zu stehen! Das hatte ich vielleicht schon mal erwähnt… Das Resultat dieses ersten Versuchs: Meh. Nicht nur hatten wir zu viel Farbe verwendet, sodass sämtliche kleinen „e“s ausgefüllt waren, sondern wir hatten beim Setzen auch ein, zwei Fehler gemacht, die jetzt ausgebessert werden mussten. Zum Beispiel hatte jemand ein „t“ und ein „f“ vertauscht und jemand anderes hatte einen Buchstaben in einer anderen Schriftart verwendet, also einen Silberfisch im Setzkasten gehabt. Zu guter Letzt war der Satz auch nicht richtig eingespannt, sodass er neu justiert werden musste. Zuerst wurden aber mit einer Ahle – endlich hatten wir einen Verwendungszweck für dieses Werkzeug! – die falschen Buchstaben entfernt, mit einem speziellen Lösungsmittel gereinigt und in die entsprechenden Kästen zurückgebracht, während die richtigen eingesetzt wurden. Der zweite Versuch sah schon besser aus, aber auch hier war zu viel Farbe verwendet worden. Erst der dritte Anlauf war erfolgreich und das fertige Zertifikat wurde zum Trocknen beiseite gelegt. Dann wurde der Name ausgetauscht – schließlich konnten wir nicht alle eine Urkunde mit demselben Namen bekommen, sondern mussten unseren eigenen einsetzen. Nach und nach entwickelten wir alle ein Händchen dafür, wie viel Farbe aufgenommen und auf den Satz übertragen werden musste und vor allem, wie man das bewerkstelligte. Das Kopf-Drücken war der einfachste, für mich aber immer noch der spannendste Teil. Abgesehen davon, dass es schon ziemlich klasse ist, am Ende dieses Prozesses das eigene Zertifikat in der Hand zu halten, fertig, selbst gemacht und fehlerlos – Moment. Während ich das Papier schon zum Trocknen beiseite legen wollte, fiel mir auf, dass das irgendwie alles schief aussah. Das hatte eine ganz einfache Erklärung: Ich hatte das Blatt Papier nicht ganz exakt an der Maschine angelegt. Also noch mal von vorn. So kleine Fehler können schon den ganzen Druck vermiesen. Bei dieser möglicherweise einfach erscheinenden Arbeit ist also sehr viel Präzision und Fingerspitzengefühl vonnöten, um ein ordentliches Ergebnis zu erzielen. Letztendlich hatten wir jedoch alle ein vernünftiges Ergebnis und konnten zufrieden mit dem Aufräumen und Reinigen der benutzten Buchstaben beginnen.


Bis dann etwa fünf Tage später eine E-Mail vom Dozenten kam: Er fand unsere Ergebnisse doch nicht so berauschend oder war der Meinung, dass es auch besser ginge. Er hat also noch mal alles neu gedruckt. Wir könnten in der nächsten Sprechstunde kommen und uns einen seiner Drucke aussuchen, den wir am Ende des Semesters als Zertifikat bekommen wollten. Ansonsten würde er die Wahl treffen. Ich habe dieses Angebot dankend abgelehnt – vielleicht kann ich mir so einbilden, dass ich doch diejenige war, die auf den alles entscheidenden Knopf gedrückt hat…?

Rückblickend finde ich diese Bleisatzveranstaltung großartig und bin froh, diese Chance, etwas vollkommen Überflüssiges für die heutige Gesellschaft, aber sehr Bedeutsames für die Geschichte zu lernen, gehabt zu haben. Schade finde ich, dass wir nur so wenig Zeit hatten und nicht alles lernen konnten, was es in diesem Zusammenhang zu lernen gibt. Aber wer weiß, vielleicht kann ich mein Grundwissen später noch mal ausweiten – oder sogar etwas damit anfangen? 😉 Fotos meines Zertifikats kann ich euch leider erst am Ende des Wintersemesters 2016 / 2017 zeigen, da uns das erst zu dem Zeitpunkt ausgehändigt wird. Das sollte euch aber nicht aufhalten, auf die Kommentare loszustürmen. Denn:


Jetzt seid ihr wieder an der Reihe!

Würdet ihr gern eine (beinah) ausgestorbene Kunst lernen oder beherrscht ihr bereits eine? Wie denkt ihr über das Drucken und publizieren, jetzt, da ihr wisst, wie es „früher mal“ abgelaufen ist?

Wollt ihr mehr solche Artikel über mein Studium lesen? Wenn ja, was genau interessiert euch? Welche Kritik habt ihr zu dieser 4-teiligen Reihe zu meinem Bleisatzkurs?


PS. Frohe Weihnachten!!

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2 Kommentare zu “[Studium] Bleisatz 4 – Ende

  1. Hallo und guten Tag,

    ich bin ja eher der altmodischer Mensch, deshalb freue ich mich immer, wenn Altes und auch Bewährtes wieder zu neuem Glanz verholfen wird.

    Denn alles hat doch irgendwann seinen Ursprung genommen und das sollte man in der Zeit von Computer, WhatsApp und anderen Sachen in dieser Richtung nicht ganz vergessen.

    Also ich wäre gerne dabei gewesen auch wenn ich mit meiner Stempelpost schon Probleme hatte, aber egal jetzt bin ich kein Kind mehr und hätte zumindest die Hoffnung es besser zu machen. ……

    Frohes Fest…LG…Karin….

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