Frau Holle und ein Haus voller Bücher

Hallo ihr Lieben,

ich habe ja schon eine Weile nichts mehr von mir hören lassen, wenn man mal die Rezensionen beiseite lässt. Jetzt habe ich aber etwas zu erzählen.

Eine Bekannte meiner Mutter (hier spricht also das allseits bekannte Vitamin B), die einen Buchhändler geheiratet hat und so quer in die Branche eingestiegen ist, nun aber auf die achtzig zugeht (oder sie schon überschritten hat, sicher bin ich mir nicht), hat ein Haus voller Bücher. Und wenn ich Haus sage, dann meine ich wirklich Haus und nicht Wohnzimmer. Die alte Dame hat aber keine Verwandten, die so gestrickt sind, wie sie, wie ich, wie wir alle hier, sodass sie sich Sorgen macht, dass all diese Bücher irgendwann im Müll landen, weil niemand ihren Wert zu schätzen weiß. Das hat sie wohl bei einem Gespräch mal erwähnt. Und meine Mutter, wie sie nun einmal so ist, hob die Hand, sagte die zauberhaften Wörter „Meine Tochter ist ein Bücherwurm und würde sicher gern mal vorbeischauen.“, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Na ja, Schicksal? Keine Ahnung, aber das passte gerade gut in diesen Satz…

Heute war ich also mit meiner Mutter bei besagter Bekannten und habe schon nach dem ersten Schritt in das Haus, das natürlich auch etwas nach alter Frau riecht und aussieht, den Geruch von Büchern ausmachen können. Ihr kennt das sicherlich, oder? Nicht nur, wenn man in eine moderne Buchhandlung kommt, in der einem der Duft von Druckerschwärze, industriellem Kleber und eben des Papiers entgegenkommt. Auch in Antiquariaten und eben alten Häusern gibt es diesen Büchergeruch. Ledergebundene oder in Fraktur geschriebene Folianten, dicke Wälzer, die durch Altersschwäche schon auseinander fallen, Bücher, von denen man schon oft gehört, die man aber noch nie in die Hand genommen hat – einfach weil sich nie eine Gelegenheit wie diese ergeben hat. Der Geruch von Papier und Tinte, einfach der Duft von Literatur und Wissen. Es war herrlich.
Dann erst haben wir das Wohnzimmer betreten, in dem ich von der ersten Bücherwand fast erschlagen wurde. Deckenhoch, drei Wände des Raumes bedeckend. Wahnsinn. Am liebsten hätte ich gleich angefangen, den Kopf auf meine linke Schulter zu legen und die Regalbretter entlangzugehen. (Ich habe übrigens immer noch ein Ziehen in der rechten Halsseite…)

Aber erst haben wir uns gesetzt und uns unterhalten. Die alte Dame möchte ja ihre Bücher nicht nur loswerden, sondern auch wissen, dass sie in gute Hände gelangen. Wer bin ich, was mache ich – „Wie bitte, Buchwissenschaft? Das kann man heute auch schon studieren? Was steckt dahinter, was lernst du so? Über Verlage also und auch, wie Bücher gemacht werden… Interessant. Hach, das ist schön, mit jemandem reden zu können, der gleich versteht, wovon man spricht! Weißt du, ich habe früher…“ -, was habe ich später vor, wenn ich fertig studiert habe, und wie lange studiere ich überhaupt schon / noch – „Ja, das Lektorat ist eine tolle Sache! Das ist ja spannend, und die Werbung auch. Ich bin ja eher der Typ…“ – „Ein Jahr erst, ja da stehst du ja noch ganz am Anfang! Aber man lernt ja so schnell, so viel. Merkst du dir das auch alles, oder vergisst du das schnell wieder? Es gibt ja so viel zu lernen, und das kommt alles mit der Zeit, du wirst sehen.“ – und wie bin ich an meine Liebe zu Büchern gekommen, all solche Fragen eben. Sie wollte es mal mehr, mal weniger genau wissen, wusste aber immer, wovon ich sprach. Das war eine super Erfahrung. Ich habe mich wieder richtig schön dumm gefühlt. Aber sie hat schon recht: Ist es nicht schön, mit jemandem zu sprechen, der genau weiß, wovon man redet? Ich erzähle zum Beispiel meinen Eltern und meinen Schwestern gern, was ich so im Studium mache, merke aber auch, dass sie zwar interessiert sind, aber kaum die Hälfte wirklich verstehen oder nachvollziehen können. Sie sind schlicht nicht so fasziniert von der Materie, wie ich es bin, und das ist auch völlig in Ordnung. Trotzdem ist es immer ein Erlebnis, wenn ich jemanden treffe, dessen Strickmuster meinem ähnelt.

Dann ging es die Treppe nach oben, in einen offenen, aber auch etwas verwinkelten großen Raum. An jeder Wand Regale, die mindestens die Hälfte der Fläche eingenommen haben. Sortiert nach Genre oder Thema. Bücher über deutsche Sprache (eingepackt), über Sagen der Kelten (eingepackt), Goten, Römer, Inder, Bücher über Hitler, Kennedy, Biografien und Sachbücher, Goethes gesammelte Werke, daneben die von Casanova, so manche Bände von Tolkien (alle eingepackt, die ich finden konnte) und der Lederstrumpf stand im Regal neben dem mit dem  fliegenden Klassenzimmer (beide eingepackt). Romane, Klassiker, hauptsächlich (jedenfalls auf den ersten Blick) aber Bildbände, Sach- und Fachbücher, und und und. Ich war eine Stunde da, habe mir aber längst keinen Überblick verschaffen können. Unglaublich, was hier für Schätze auf mich warten könnten. Und dieses Gerede oben über alte, auseinander fallende Bücher, deren Titel man nicht einmal mehr lesen kann, weil der Ledereinband so abgegriffen ist, direkt neben relativ neuen, in Hochglanzpapier eingeschlagenen Wörterbüchern, war nicht aus der Luft gegriffen. Ich kann es noch gar nicht fassen, und habe sage und schreibe drei Mal nachgehakt, ob ich es wirklich richtig verstanden habe und ich mitnehmen kann, was immer ich möchte. „Ja, das meine ich ernst. Natürlich reißt es mir ein Stückchen von mir selbst aus der Seele, wenn ich meine Bücher weggebe -“ (wer von uns kennt das nicht?!) „- aber ich kann die Vorstellung nicht ertragen, dass diese Bücher, die ich alle einmal gelesen oder zumindest in der Hand gehabt und entstaubt habe, irgendwann im Altpapier landen. Und sie kommen ja in gute Hände.“ Dann hat sie mir noch angeboten, dass ich jederzeit, wenn ich, in den Semesterferien beispielsweise, nach Hause zu meinen Eltern fahre, vorbeikommen und stöbern kann. Sie kenne mich jetzt ja und wüsste, wer ich sei, was ich wolle und was sie von mir zu erwarten hätte.

Ich glaube, ich habe noch immer nicht ganz begriffen, in welche Goldgrube ich hier gestolpert bin, weil meine Mutter mit spitzen Ohren durch die Welt spaziert. Das werde ich erst können, wenn ich mehr Zeit in diesem Haus verbracht habe. Das habe ich übrigens früher immer mehr oder weniger heimlich das „Frau Holle-Haus“ genannt, da die Holzverkleidung außen hellblau gestrichen ist und vor den Fenstern weiße Blumenkästen hängen, die die Form von Kopfkissen haben. Was soll einem die kindliche Fantasie denn sonst eingeben? Meine jetzt nicht mehr so kindliche Fantasie sagt mir jedenfalls, dass ich in Zukunft häufiger mal dort vorbei gehen und vielleicht auch den einen oder anderen Arm voll Bücher mit nach Hause nehmen werde.

Solche Menschen braucht die Welt, finde ich. Freundlich und aufgeschlossen, möglicherweise etwas schwierig, aber bemüht, der Nachwelt etwas mitzugeben. Und wenn es auch „nur“ das Wissen in (überhaupt nicht!!) verstaubten Büchern aus mehr als sieben Jahrzehnten ist.

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2 Kommentare zu “Frau Holle und ein Haus voller Bücher

  1. Hallo Henrike,

    für die spitzen Ohren kannst Du deiner Mama, aber von Herzen danken und auch der Tatsache..das ihr zur rechten Zeit am rechten Ort wart ….augenzwickern……

    Und wie Du es alles beschreibst trotz kleinerer Hacken eine wahre Schatzkammer für jeden Bücherwurm!!

    Also ran….und alles gute für Projekt Frau Holle , die kein Wetter macht sondern Bücher regnen/verschenken möchte.

    LG..Karin…

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