Kapitel 6 – Gedankenchaos

WatchedStuff-[Projekt] Wir alle. Gemeinsam.Die ausgetretenen breiten Holzstufen, die die Veranda vor dem Haus ihrer Großeltern hinabführen, kann Thea beinah nicht erkennen, so stark wird ihre Sicht von einem dichten Tränenschleier beeinträchtigt. Genervt wischt sie sich das Salzwasser aus den Augen und von den Wangen. Warum nimmt es sie so mit, dass ein Junge, den sie nicht kennt, der doch eigentlich nur in einem Roman existierten sollte – und nicht unbedingt in ihren Träumen, geschweige denn in ihren Tagträumen – keine Notiz von ihr nahm? Nun, genau genommen hatte er sie bemerkt. Er hatte sie auch vor diesem anderen Mädchen verteidigt, ohne sie zu kennen, und aus irgendeinem Grund wusste Thea, wer dieses Mädchen war. Sie kannte die Umstände ihrer Begegnung, das alles ist ihr dermaßen vertraut. Hat sie deshalb das Gefühl, ihre Realität würde verschwimmen? Was ist geträumt, was geschieht wirklich? 

Frustriert und zutiefst verunsichert schlendert Thea um das Haus herum und zu der kleinen Sitzecke, die sie vor ein paar Jahren zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter und Tante Maggie gebaut hat. Maggie war der Meinung gewesen, dass es mal wieder Zeit für einen Mädelsabend wurde, wie sie es nannte. Dass es hellichter Tag war und dass außer Thea niemand mehr wirklich als Mädel bezeichnet werden konnte, war egal. Wichtig war an diesem schönen Tag nur, das Unkraut aus der Ecke des Gartens zu entfernen, in der der kleine Springbrunnen installiert werden sollte, die Bepflanzung des Bereichs und das Auswählen der Gartenmöbel. Letztendlich war daraus eine Art durch dichte Rankpflanzen abgetrennter Pavillon geworden, in dem ein kleiner runder Tisch aus weiß lackiertem Gusseisen mit vier dazu passenden Stühlen stehen. Mittlerweile sind an den Möbeln schon Stellen von abgeplatztem Lack, sodass sie beginnen zu rosten, aber das ist in Ordnung: Es unterstützt den Charme dieses kleinen friedvollen Platzes. Seit diesem fröhlichen Tag mit dem weiblichen Zweig ihrer Familie kommt Thea häufig hier her, wenn sie über etwas nachdenken muss, wenn sie traurig oder wütend ist. Hier findet sie immer Ruhe – oder ein bisschen Unkraut, das ihrer Wut zum Opfer fallen kann. So auch jetzt. Dem Schwanken ihrer Gefühle entsprechend kniet sie sich hin und fällt zornig über das erste zarte Pflänzchen her, das nicht dort wachsen sollte, und verharrt irgendwann regungslos, völlig in Gedanken versunken. Dann, wieder verärgert, rückt sie dem nächsten Büschel Gras zu Leibe. Hin und her rasen ihre Gedanken. Sylvan. Was ist es, das ihn so anziehend macht? Wie hat es ausgerechnet diese Figur, gerade dieser Buchcharakter es dermaßen tief in ihr Herz geschafft, dass sich ihre Gedanken nur noch um ihn drehen? Hat sie tatsächlich diese Träume, die so real erscheinen, oder beginnt sie nur, langsam durchzudrehen und wahnsinnig zu werden? Warum ist sie so besessen von diesem Jungen? Entschlossen steht Thea auf, klopft sich die feuchte Erde von Knien und Händen und setzt sich auf ihren angestammten Platz, den Stuhl mit dem fehlenden vierten Bein. Sie zieht ihr Handy aus der Jackentasche, froh, sie doch nicht, wie geplant, im elterlichen Auto gelassen zu haben, und öffnet im Browser sofort ihren Lieblingsblog, ChantyBooks. Dieser Blog hat eine eigene Seite darauf verwendet, die Kerle in Romanen unter die Lupe zu nehmen, ihre Qualitäten zu prüfen und solches Zeug. Dort musste auch etwas über Sylvan zu lesen sein. Nach minutenlangem Scrollen muss Thea sich aber mit dem enttäuschenden Ergebnis zufriedenstellen: Keinerlei Informationen gab es hier, weder zu Sylvan als Figur, noch über das Buch selbst. Irgendetwas war hier faul an der Sache.

Da auch nach zehn Minuten voller Unkrautzupfen und Aufrichten der harabhängenden Zweige der Rankpflanzen keine weiteren Schwindelanfälle auftraten, in denen Thea Sylvan und seine Familie zu sehen glaubte – und diese zwielichtige Cousine –, fühlt sie sich sicher genug, um wieder ins Haus zurückzukehren. Schließlich geht es hierbei um Tante Maggie, nicht um sie. Schon beim Betreten des Hausflurs überkommt Thea dieses erdrückende Gefühl, das bei Beerdigungen und allem, was damit zu tun hat, eintritt: Die Menschen sind traurig, je nach Enge der Freundschaft zum Verstorbenen völlig fertig oder einfach nur niedergeschlagen. Es riecht überall nach Essen, da die Nachbarn und Freunde mit Lasagnen und Aufläufen dafür sorgen, dass die Familie sich in dieser schweren Zeit nicht um so banale Dinge wie Kochen zu kümmern braucht. Auf jeder verfügbaren Fläche stehen Vasen mit den schönsten Blumensträußen und -arrangements, die einen betörenden Duft verströmen. Überall finden sich Menschen: In der Küche die Nachbarn und engsten Freunde, die bei der Vorbereitung von allem helfen und der Familie beistehen, auf den Sofas und in den Sesseln im Wohnzimmer sitzen die weiter entfernten Verwandten, die man meist nur zu Weihnachten oder an Geburtstagen sieht, die aber dennoch dazugehören. Und vor der Haustür tauchen ab und zu Briefträger oder Lieferanten von Gärtnereien auf, die Trauerkarten, Anteilnahmsbekundungen und Blumenbestellungen ablieferten. Sie alle tragen dazu bei, dass das ganze Haus nach Essen, Blumen und Menschen riecht. Das ist der Geruch der Trauer, und heute ist noch nicht einmal die Beerdigung selbst, denkt sich Thea, und geht durch die Küche auf ihre Mutter zu. Diese, in eine Ecke des Raumes gewandt, wischt sich gerade eine Träne von der Wange.

Ach, Mum.“ Thea legt ihr die Arme um die Taille und hält sie fest, genau wie ihre Mutter es gewöhnlich tut. Sie weiß, wie sehr diese einfache Geste helfen kann. Und dann fließen auch bei ihr die Tränen wieder.

Langsam wird es ruhiger im Haus. Sylvan schaut sich um, ob er das Mädchen von vorhin wieder entdecken kann, das so schnell verschwunden ist. Irgendwas war seltsam an ihr, sie schien ihm so vertraut zu sein, und doch kann er sich nicht erinnern, sie schon einmal gesehen zu haben. Dass Emely, seine schräge Cousine, so aggressiv auf das Mädchen reagiert hat, war eigentlich auch ein Zeichen dafür, dass es einen guten Charakter haben muss. Aber es war ebenso ein Zeichen, dass dieses Mädchen fremd hier war. Jeder, den Emely nicht kennt, wird erst einmal abgestoßen und dann aus der Ferne kritisch betrachtet. Er muss lächeln, als er sich erinnert, wie abstoßend die Fremde auf Emely gewirkt haben muss, ihrem Gesichtsausdruck zufolge. Er muss einfach herausfinden, wer sie ist, zu wem sie gehört, was sie mit seiner Familie verbindet, warum sie an dem Tag in dem Haus seiner Großeltern war, an dem sein Großvater seinen Liebsten einzeln und persönlich die letzten Wünsche aufträgt und Geheimnisse, die er das ganze Leben lang für sich behalten hat, an ausgewählte Personen weitergibt, und vor allem, warum sie so schnell, so plötzlich und so vollständig verschwunden und nicht aufzufinden ist. Ein Blick zu Emely zeigt, dass auch sie nicht zufrieden ist und Ausschau hält. Sylvans Gedanken verdunkeln sich gleichzeitig mit seiner Augenfarbe. Dass sein Großvater Emely etwas anvertraut hat, dass ihm offenbar vorenthalten wird, gibt schon genug Grund zur Sorge. Dass sie nun aber auch noch ein neues Objekt der Abscheu entdeckt hat und sehr unzufrieden wirkt, sich gleichzeitig aber bei ihm, Sylvan, einschmeicheln will, bedeutet noch viel weniger Gutes.

Thea liegt wieder auf ihrem Bett, die Füße unter die Decke gesteckt, und starrt auf ihr Handy. Keine Informationen über Sylvan, nirgendwo – auch auf den anderen Blogs, die sie bisher besucht hat – eine Bemerkung zu dem Roman. Erst wimmelte es im Internet von Werbebannern, Leseproben und Rezensionen zu ebendieser Geschichte, sie selbst hatte bestimmt vier Empfehlungen dafür bekommen. Und jetzt, wenige Tage später, ist alles wie weggewischt. Nur die Kommentare auf ihrem Blog, die jemand mit dem Nickname Sylvan geschrieben hat, sind noch da. Es war also nicht alles einfach nur Einbildung, Thea kann sich noch auf ihre Zurechnungsfähigkeit verlassen. Merkwürdig erscheint es ihr allerdings noch immer. Während sie so gedankenverloren vor sich hin starrt und ihr Telefon an die Brust drückt erschrickt sie fast zu Tode, als es plötzlich zu vibrieren beginnt, ehe ihr Klingelton erschallt. Ein kurzer Blick auf’s Display zeigt einen Anruf von Isabel.

Hey Is.“

Thea, Schatz, warum hast du mich denn nicht zurückgerufen? Ich habe deiner Mutter doch gesagt, dass du das machen sollt. Wie geht es dir, geht es dir gut? Wie war es bei deinen Großeltern? War Mark heute noch mal da? Was machst du gerade, soll ich vorbeikommen? Mensch, ich würde dir so gern helfen…“ Thea muss tatsächlich lächeln, als sie so von ihrer Freundin überschwemmt wird. Isabel fängt immer an zu plappern, wenn sie sich Sorgen macht. Diese Eigenart zeigt nur, wie sehr sie wirklich meint, was sie sagt, und wie gern sie ihrer Freundin beistehen möchte.

… und wenn du nicht sofort antwortest stehe ich in zwei Minuten vor deiner Tür und du bist schuld, wenn hinter mir die Bullen stehen, weil ich in der Eile drei rote Ampeln überfahren habe.“ Isabel hat wohl gemerkt, dass Thea mit den Gedanken nicht mehr ganz da ist.

Nein, ich bin hier und du musst dich nicht mit dem Gesetz anlegen. Ich habe nicht zurückgerufen, weil ich deinen Anruf völlig vergessen habe, es war schrecklich dort und mir geht es nicht viel besser, aber die Ruhe in meinem Kabuff ist ganz angenehm. Allerdings denke ich zu viel. Sind das alle Fragen gewesen, oder habe ich noch was vergessen?“

Das mit Mark.“

Naja, ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe, und –“

Du hast WAS?“

Das ist mir irgendwie erst klargeworden. Ich will nicht mehr ab und an ins Bett mit ihm und ansonsten so tun, als wären wir einfach beste Freunde. Das klappt so nicht mehr. Ich will offen mit ihm auf die Straße gehen und in die Welt rausschreien, dass er mir gehört und mich gleichzeitig mit ihm irgendwo verkriechen, damit außer uns niemand von unserem Glück weiß. Aber er sieht das sowieso ganz anders.“

Das musst du mir genauer erklären.“ Kein Wunder. Isabel ist die Art Mensch, die sich nicht einfach nur auf die erste Meinung verließ, die sie hört, sondern immer die ganze Geschichte wissen muss, am besten aus verschiedenen Blickwinkeln, um sich ihre eigene Meinung zu bilden. Also lässt Thea seufzend die vergangenen Stunden Revue passieren und schildert, so nüchtern sie bei allem Herzschmerz in der Lage ist, die Reaktion ihres ehemals besten Freundes. Die Minute des Schweigens, die darauf hin aus der Telefonleitung erklingt, zeigt ihr die Sprachlosigkeit, die auch ihre beste Freundin überfallen hat.

Der kann was erleben.“ Das ist alles, was Isabel herausbringt.

Nein, lass,“ meint Thea, „das muss ich selbst regeln. Aber nicht jetzt. Jetzt hat meine Familie Vorrang.“ Und diese komische Geschichte mit den Tagträumen, den anfallartigen Gefühlsschüben und ihre Besessenheit von diesem Sylvan. Natürlich sagt sie nichts davon zu ihrer Freundin. Ein Irrenhaus von innen zu sehen hat noch nie auf ihrer Wunschliste gestanden.

Na gut. Aber wenn du Hilfe möchtest, also, wenn du eine Schulter zum Ausweinen brauchst oder wenn ich ihm die Hölle heiß machen soll, dann genügt ein Wort von dir, alles klar? Ich bin für dich da, T. Vergiss das nicht und friss nicht alles allein in dich hinein. Du weißt, zu zweit macht essen mehr Spaß.“ Wieder schleicht sich ein schwaches Lächeln auf Theas Lippen. Isabel ist wirklich gut darin, sie aufzubauen und von ihrem Leid abzulenken.

Wenn ich Appetit habe, dann komme ich dich besuchen. Oder ich lade dich auf eine Eisbombe ein. Dann wirst du dein Angebot noch bereuen.“

Ah, da ist mein Mädchen ja wieder.“ Isabel lacht so laut, dass Thea das Handy ein Stück von sich weghält, ehe sie es vorsichtig wieder näher an ihr Ohr bewegt. „Pass gut darauf auf, dass du nicht in Trübsal versinkst, meine Liebe. Und wenn es doch soweit kommt, dann ruf mich auf der Stelle an, ist das klar?“

Ja, Ma’am.“

Dann gute Nacht, Schatz. Wir sprechen uns später wieder. Schlaf dich aus und denke nicht so lange über all das nach. Grübeleien helfen nicht weiter und machen nur traurig.“

Ich hab dich auch lieb, Is. Gute Nacht.“ Und damit endet das Gespräch. Thea legt ihr Handy neben dem Bett auf den Boden, streckt sich unter der Decke aus, ohne die Kleidung zu wechseln, und schließt die Augen. Vielleicht hat Is ja recht. Vielleicht muss sie aufhören über Mark nachzudenken, über Maggie nachzudenken, und diese Dinge den anderen überlassen. Vielleicht braucht sie etwas anderes, auf das sie sich konzentrieren kann, um den Schmerz zu vergessen und wieder zur Ruhe zu finden. Etwas, das ihre ganze Aufmerksamkeit erfordern wird. So etwas, wie diesen Sylvan. Oder wen auch immer sie in diesen Tagträumen gesehen hat.

Morgen wird sie das Buch zu Ende lesen. Vielleicht hilft das ja schon weiter…

[von Henrike]

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