Wenn 3.000 Menschen andächtig lauschen: George R.R. Martin liest aus seinem neuesten Manuskript

Wir bereits angekündigt fand vergangenen Sonntag ein Megaevent für alle Bücherwürmer und GoT-Fans Deutschlands statt, das niemand, der in diese Kategorien passt, versäumen durfte. Damit ich mich nicht zu diesen armen Säuen zählen muss, habe ich einen Freund als Vertretung abgesandt. Hier nun die Ergebnisse des Abends – von uns, für euch, mit aller Mordlust und Bösartigkeit, die ich aufzubieten bereit war.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Man stelle sich Folgendes vor:

Ein großer Vorlesungssaal, die Ränge füllen sich langsam mit Menschen, ein stetiges Gemurmel beginnt und steigert sich zu einem immer lauter werdenden Summen. Alle Blicke sind sehnsüchtig auf die noch ins Dunkle gehüllte Bühne gerichtet, auf der zwei Stühle einen kleinen Tisch voller Wassergläser, Bücher und Zettelstapel einrahmen und ein weiterer Stuhl hinter einem anderen Tisch bereitsteht. Darüber leuchtet im Halbdunkel eine große Leinwand, auf der Romancover, Werbeplakate und andere Bilder des Gastes abgebildet werden und Buchtrailer zur „Wild Cards“-Reihe ablaufen. Das Summen steigert sich in ein lautes, langes Klatschkonzert, als ein Mann in schwarzem Anzug die Bühne betritt, gefolgt von einem wohlgenährten, bärtigen grauhaarigen Mann mit Brille in Cordhose, Hosenträgern, Satinweste und Fischermütze. Der Saal bricht in Jubel aus. 

Und dann stellt euch vor, ihr sitzt in der zweiten Reihe, habt die tobende Masse im Rücken und freien Blick auf das, was sich nun auf der Bühne tut.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Der Mann in Schwarz stellt sich als Denis Scheck vor, einer der bekanntesten Literaturkritiker Deutschlands. Er berichtet aus seiner Kindheit und erzählt von den Märchen, die seine Kindheit damals begleiteten. Dann ist auf der Leinwand plötzlich ein bekanntes Gesicht zu sehen und die Menge seufzt auf: Scheinbar hat Tyrion sie doch nicht vollends erledigen können. Sibel Kekilli, Darstellerin der Prostituierten Shae, Geliebte des Tyrion Lennister und später sein Mordopfer, befindet sich im Saal und folgt bereitwillig den Selfie-Wünschen der Fans. Zumindest bis der eigentliche Gast des Abends angekündigt wird und die Bühne betritt: George R.R. Martin. (R.R. steht übrigens für Raymond Richard.)

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Nachdem sich die noch auf der Bühne Stehenden gesetzt haben und nach der üblichen Begrüßungsfloskel seitens des Interviewers und des Interviewten und dem (nicht wirklich überraschenden) Aufkommen einer riesigen Welle des Applauses erzählt der Autor, dass er bereits einige Tage in Hamburg verbracht hat – begleitet von der deutschen Kekilli – und unter anderem das Miniaturwunderland besuchte. Natürlich. Niemand besucht Hamburg, ohne dort vorbeizuschauen.

Dann beginnt das Interview. Mit Bezug zur eigenen Einleitung (Geschickt!) fragt Scheck, welche Art von Literatur Martin während seiner Kindheit begleitet habe. Die Antwort kommt schnell und präzise: Comics. Also, die DC-Comics (Hinweis: DC steht hinter Spiderman, Batman und Green Lantern). Marvel (Hinweis: Marvel ist verantwortlich für Hulk, die X-Men und die Avengers) gab es da noch gar nicht. Diese Comics kamen erst später dazu. Aber Klein-George las sie alle. An Büchern war er weniger interessiert.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Über seinen Vater hatte er auch eine Anekdote zu erzählen: Er diente im Zweiten Weltkrieg in Italien, wo er mit einem geschickten Händchen in Wetten und Würfelspielen um gute $10.000 und einen Saphir reicher wurde. Fünf, sechs Jahre lebte er gut von dem Geld – bis er einen Job bekam, seine Frau kennen lernte und ihr zur Hochzeit einen Ring mit dem Saphir ansteckte. („Ooooh!“ aus dem Publikum – natürlich.)

Das nächste Thema spielt auf die Sammelleidenschaft Martins an: Scheck fragt ihn, welches das erste Set an Actionfiguren war, das der Autor komplettieren konnte. Laut Martin waren es Aliens, unter ihnen ein kleines gelbes mit einer Waffe. Da es früher noch keine Geschichten zu den Figuren gab, mussten sich die Sammler eigene dazu ausdenken. In Martins Fall war das kleine gelbe Alien mit dem Bohrer (Klein-George erkannte die Waffe nicht – so wurde sie zum Bohrer.) dasjenige, das die anderen gefoltert hat. Die Tatsache, dass Martin zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt war, gibt Aufschluss darüber, dass er schon immer einen Hang zum Dramatischen und zur Brutalität hatte…

Daher ist die folgende Frage Schecks irgendwie naheliegend: Hatte George R.R. Martin an der High School (ich zitiere) „viele Freunde“? Schließlich war Science Fiction zu der Zeit noch ein Minderheiteninteresse (und das foltern von Alienfiguren durch andere Aliens mit Sicherheit auch!). Auch hierauf findet der Kult-Autor eine rasche Antwort: „Ja, so drei, vier“ Freunde, die sich für die gleichen Dinge interessierten, aber so schräg drauf wie Martin war niemand. Dass sich dieser Zustand (Science Fiction-Fans bilden eine Minderheit) bis heute eher umgekehrt hat, scheint den ehemaligen Außenseiter zu freuen.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Scheck liest aus einem Leserbrief vor, den Martin damals an Stan Lee verfasst hat (Hinweis: Stan Lee ist der Erfinder der Marvel-Comics.). Darin verwandte er ausschließlich positive Worte und lobte Lee dafür, die Comicwelt revolutioniert zu haben. (Die Begeisterung für Comics scheint ernsthafter Natur zu sein.)

Ernsthaft geht es aber nicht weiter, als Scheck einen alten britischen Schriftsteller zitiert: „Sind die Reichen wirklich andere Menschen oder haben sie einfach nur mehr Geld, jedoch den gleichen Charakter wie vor dessen Erwerb?“ (Ich garantiere nicht für Richtigkeit!) Auf diese versteckte Frage antwortet Martin nicht so direkt wie bisher, weshalb der Kritiker nachhaken muss: Was hat sich für ihn durch den kommerziellen Erfolg geändert? Die Antwort ist so schlicht wie genial: „Well, I have more money!“ Seltsam, dass das ein schallendes Gelächter im Publikum nach sich zog, oder? 🙂 Der Erfolg der Fernsehserie Game of Thrones führe außerdem dazu, dass er auf offener Straße häufig angesprochen und um ein Selfie gebeten wird. Das finde er im Einzelnen sogar ziemlich nett und nicht schlimm, aber in der Masse und auf Dauer gehe es ihm auf die Nerven. Dass es Filmstars dabei wesentlich schlimmer erwischt hat, ist ihm klar, und er will sich auch nicht beschweren, da es sicherlich Menschen gibt, die sich so etwas wünschen, aber besonders angenehm sei das nicht. Doch der Autor und Drehbuchautor betont, dass seine Arbeit von seinem Ruhm nicht beeinflusst wird. Ob er nun 10.000 oder 10 Leser hat, er brütet über jedem Satz, damit er perfekt wird.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Warum zog es ihn zur Fantasy und zu Science Fiction? Eine naheliegende Frage und eine ebenso naheliegende Antwort: In der Stadt, in der Martin aufwuchs, lebte er in der 1st Street. Seine Schule lag in der 5th Street. Seine Familie hatte kein Auto, verbrachte nur manchmal Weihnachten in New York und reiste selten bis nie. Die gesamte Welt des George R.R. Martin befand sich damit in etwa fünf Blocks. Die Science Fiction-Romane brachten ihn so gesehen nicht nur nach Shanghai und in die Tropen, sondern auch auf den Mars und in fremde Galaxien. Um seine eigene Welt zu erweitern las er sich in die Welt der Bücher hinein. Eine kleine Nebenbemerkung zu den Superhelden gibt es obendrauf: Früher wollte Martin lieber Green Lantern sein als Batman, denn dann bräuchte er nur einen Ring zu finden – und kein hartes körperliches Training…

Um nicht völlig in diesem Thema aufzugehen lenkt der Kritiker das Gespräch wieder auf das aktuelle Geschehen: Wer hat aktuell die Macht in den Vereinigten Staaten von Amerika? Martin: Firmen und deren Geld manipulieren und bestimmen die Wahl. Scheck hakt nach: Wie viel Einfluss und Macht hat man als Autor oder Drehbuchautor, als Entertainer? Martin gibt die wachsende, aber nicht unbegrenzte Macht mit einem Beispiel an. Mit einer Serie, die sich um Homosexuelle drehte und deren Figuren von eben solchen gespielt wurden, wurden solche erstmals als Menschen anerkannt. Damit bringt er zum Ausdruck, dass man insbesondere als Autor weniger Einfluss als als Drehbuchautor hat, jedoch kann man in die richtige Richtung weisen.

Ein bekanntes Problem der 50er- / 60er-Jahre-Generation ist, dass die heutige Gegenwart nicht die ist, die man sich damals als Zukunft gewünscht hat. Dieses trifft auch auf Martin zu. Er „will diese Gegenwart nicht als seine Zukunft, weil es Terrorismus und das Internet […] gibt.“ Besser wären eine Kolonie auf dem Mars, Jetpacks und ein fliegendes Auto – aber nur für ihn, sonst gäbe es Unfälle… Das sei der Grund, warum es heute weniger Science Fiction und Fantasy gebe: Früher dachte man, die Kinder würden es besser haben als man selbst, und die Enkelkinder erst recht. Damals schrieb man Utopien. Heute ist es umgekehrt: Die Kinder werden es schlechter haben als man selbst, von den Enkelkindern spricht man kaum. Daher schreibt man heute Dystiopien (Bsp: Die Tribute von Panem). Die Gedanken an eine bessere Zukunft habe man eingestellt. Als Kind habe Martin sich immer gewünscht, Menschen auf dem Mond laufen zu sehen. Das tat er schließlich auch. Aber er hat sich niemals ausmalen können, dass die Menschen damit aufhören könnten (Hinweis: Seit 1972 hat niemand mehr unseren Mond betreten.). Eine Gemeinsamkeit aller Science Fiction- und Fantasyromane hebt der Autor hervor: Es gebe keine Amerikaner, Deutsche und Italiener, sondern eine allgemeine Menschheit. Keine Nationalitäten. Ihm sei wichtig, dass wir diesen Punkt einmal erreichen.

An dieser Stelle tritt eine kurze Pause ein und der Literaturkritiker deutet auf die Ledermappe Martins. Diese beinhaltet ein Manuskript, aus dem der Mann mit der grummelnden, aber auch irgendwie quiekenden Stimme (wem diese Beschreibung nicht reicht der suche auf Youtube) nun vorlesen würde. Da Scheck vorher nicht hineinlesen durfte, ist er nicht in der Lage dem Publikum zu verraten, worum es sich handelt.

Das erledigt der Autor selbst, nachdem er zum zweiten Tisch gewechselt ist und es sich dort bequem gemacht hat: Es ist ein Kapitel (leider wurde nicht gesagt, ob es das erste, das letzte oder eines aus der Mitte ist…) aus dem sechsten Band der A song of ice and fire-Reihe, nämlich Winds of Winter.

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Quelle: Marc Strempel, 2015

An dieser Stelle muss ich euch, liebe Leser, leider bitten, in den zweiminütigen Applaus einzustimmen, der nun aufbrandet. Und wehe, ihr schont eure Handflächen! 😉

Danach warnt der Autor, noch vor Beginn der Lesung, dass für diejenigen, die den fünften Band noch nicht gelesen haben (für die deutsche Version wäre das dann wohl Band 10), Spoileralarm gelte, und diejenigen, die nur die Serie kennen, wohl etwas verwirrt werden könnten – schließlich haben einige Charaktere es nicht in die Serie geschafft. Dann geht es los.

Das Publikum war, bis auf kleine Lacher an den entsprechenden Stellen, mucksmäuschenstill. Der Textausschnitt handelte von der Überfahrt der dornischen Prinzessinnen und einem Prinzen nach Essos. Der letze Satz des Manuskripts, der in der Stille verhallte, lautete: „We can not know, but we can hope.“

Grenzenlose Begeisterung. (Bitte stellt es euch selbst vor, ich kann es jedenfalls nicht in Worte fassen. Die Beschreibung, die mir geliefert wurde, war „Ohrenorgasmus“, aber das will ich hier eigentlich nicht schreiben…)

Danach verkündet der Scheck, dass es leider aufgrund der großen Zuschauermenge keine Signierstunde geben werde. Jedoch wurden zum Eingang Bänder verteilt, darunter einhundert graue. Die Besitzer dieser grauen Bänder durften sich hinterher je eine signierte Ausgabe von Westeros in einer hamburgischen Buchhandlung abholen. Außerdem wurde eine begrenzte Anzahl an Postern verteilt, einen Bleistift mit Krone bekam jeder Besucher. Jippieh. 😀

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Der Gast und der Kritiker verabschieden sich, die Menge zerstreut sich. Nach gut zwei Stunden finden die Leute ihren Weg heim.

Quelle: Marc Strempel, 2015

Quelle: Marc Strempel, 2015

Um etwas sachlicher auf die erfolgreiche Veranstaltung zurückzublicken: Die ständige Übersetzung des Englischen (die Denis Scheck gut gelang) hätte man sich sparen können, da die meisten Gäste das (zugegebenermaßen manchmal brummelige) Englisch des Gastes gut verstanden. Nun ja, es kamen ja schließlich die Fans, die dann auch Englisch sprechen konnten: Erkennen konnte man sie übrigens an diversen Variationen von Fan-T-Shirts.

Da meine Vertretung etwas von Verkehr und Parkplatzsuche aufgehalten wurde, gibt es hier leider kein Foto mit „Shae“. Aber die übrigen Bilder lassen sich doch auch sehen, oder? 🙂

Vielen Dank, Marc!

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3 Kommentare zu “Wenn 3.000 Menschen andächtig lauschen: George R.R. Martin liest aus seinem neuesten Manuskript

  1. Huhu =)

    ein ganz, ganz toller Bericht *_* Ich liebe die Bücher / die Serie ja total und habe deinen Beitrag jetzt quasi aufgesogen xD Live dabei sein konnte ich nämlich leider nicht…

    Glg
    Micha

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