Kapitel 5 – Der nächste Schritt

von Laura (taigafee auf HierSchreibenWir.de)

Noch während sie das letzte Wort leise in die Welt hinausflüsterte, hörte sie die Wohnungstür zuschlagen. Ihr Geständnis verklang ungehört, bedeutungslos.
Thea spürte eine merkwürdige Leere in sich. Sie hatte gedacht, dass sich etwas in ihr ändern würde, wenn sie es laut aussprechen würde, auch wenn Mark es nicht hören würde – als würde ihr Körper ihr signalisieren, dass es wirklich wahr war.
„Ich liebe Mark“, sagte sie probeweise, dieses Mal etwas lauter, aber immer noch zögerlich. Es klang nicht richtig, irgendwie etwas schief, und ihr Herz bewegte sich keinen Millimeter. Aber vielleicht war das eben so. Eigentlich war es ja nur ein Wort, „Liebe“, an sich wertlos. Vielleicht bekam es erst Bedeutung, wenn man es zu jemandem sagte.
Aber andererseits waren das auch ganz schön viele „vielleicht“s und „eigentlich“s – zu viele für Theas Geschmack.
Sie setzte sich auf und wischte sich verärgert durch das Gesicht. Warum nur hatte sie sich so von Mark provozieren lassen? Was hatte sie jemals an ihm gefunden – an einem Typen, der sie sogar nach dem Tod ihrer Tante nur ins Bett kriegen wollte, dem ihr Körper anscheinend mehr wert war als sie als Person? Isabell hatte Recht gehabt. Mark war ein Idiot, und wahrscheinlich war es nur dieser Wunsch gewesen, sich endlich zu verlieben und jemanden an ihrer Seite zu haben, der ihr die Einbildung verschafft hatte, sie würde mehr von Mark wollen als Freundschaft. Sie kam sich plötzlich benutzt vor, als sie daran dachte, dass sie sich einem Menschen geöffnet und an seiner Schulter geweint hatte, während er nur daran gedacht hatte, sie möglichst schnell auszuziehen. Immerhin war er jetzt weg – hoffentlich möglichst weit.
Es klopfte leise an der Tür, und Thea schreckte hoch. 

„Ja?“ Ihre Stimme klang immer noch etwas wackelig, durch das viele Weinen, und ihre Augen waren vermutlich immer noch rot und verquollen, aber dafür fühlte sie sich etwas besser, nachdem sie die Mark-Problematik in ihrem Kopf etwas sortiert hatte.
Ihre Mutter kam herein, zusammengesunken, auch ihre Augen waren rot. Maggie war ihre jüngere Schwester gewesen, die beiden hatten sich sehr nahe gestanden. Auch Theas Mutter war von Andreas informiert worden, und das, was er anscheinend am Telefon und im betrunkenen Zustand gesagt hatte, hatte ihr wohl den Rest gegeben.
„Gibt es was Neues?“, erkundigte Thea sich und rutschte etwas zur Seite, als ihre Mutter sich neben sie legte und den Arm um ihre Tochter schlang.
„Nein … Es stimmt so, wie er es erzählt hat. Opa und Oma werden die Beerdigung ausrichten und haben die am nächsten Mittwoch abgesagt. Andreas hat sich fürchterlich aufgeregt, weil sie ihn nicht einladen wollen, aber das weißt du ja alles schon.“ Ihre Mutter seufzte. „Ich wollte nur mal nach dir sehen. Ich habe dich weinen hören und Mark hat einen ziemlich wütenden Eindruck gemacht. Ist etwas zwischen euch vorgefallen?“
Thea schüttelte mit dem Kopf. Ihre Eltern wussten nicht, dass sie und Mark eine Zeit lang miteinander geschlafen hatten, und das mussten sie auch nicht. Theas Eltern waren zwar nicht prüde, aber sehr moralisch, und eine unverbindliche Bettgeschichte ihrer Tochter würden sie ganz sicherlich nicht gutheißen.
„Mark und ich hatten nur … einen kleinen Streit. Nicht so wichtig“, winkte sie also ab.
„Isabell hat auch angerufen“, sagte ihre Mutter und strich ihrer Tochter durchs Haar, „ich hab ihr gesagt, du meldest dich, wenn du wieder wach bist. Aber es ist schon fast Mittag, du musst wahnsinnigen Hunger haben.“ Tatsächlich knurrte in dem Moment Theas Magen lautstark, und beide mussten unwillkürlich lachen.
„Essen wir zusammen etwas?“, fragte Thea und sah zu ihrer Mutter hoch. Die sah jedoch schon wieder ernst in Richtung Decke.
„Ich hab nicht so wirklich Hunger“, antwortete sie gedankenverloren, „und dein Vater und ich fahren gleich zu Opa und Oma. Du kannst mitkommen wenn du willst, aber du musst nicht.“
„Ich … ja. Ich komme mit. Klar“, sagte Thea.

Das Haus ihrer Großeltern lag in der Nähe der Küste, die Fassade war von der Sommersonne und der salzigen Luft schon ausgebleicht. Die Blumen im Garten strahlten beinahe schon höhnisch um die Wette, als wollte die Natur der Familie keine angemessene Trauer ermöglichen wollen. Solche Tage sollten grau und verregnet sein, mit welken Pflanzen und traurig nach unten geneigten Blüten, ohne Vogelgezwitscher und mit stürmischen,wütenden Wellen. Aber heute war ein perfekter Sommertag, ein Cabrio- und Sonnenbrillenwetter, zum Eis essen und lachen und Spaß haben.
Im Inneren des Hauses war es ganz anders.
Die Rolladen waren hinuntergelassen, sodass alle Räume im Halbdunkel lagen. Das Klavier, sonst immer aufgeklappt, war mit einem riesigen schwarzen Tuch vollständig abgedeckt. Die Standuhr tickte überdeutlich in der bedrückenden Stille, nur unterbrochen von einem Schluchzer ihrer Großmutter.
Obwohl die Nachbarn seiner Großmutter sich unterhalten, wirkt es ruhig in dem Haus. Zu ruhig. Es ist, als würde jeder nur vorsichtig atmen, um bloß nicht zu laut Luft zu holen, als würde sich niemand trauen, eine bestimmte, nicht festgelegte Regel zu brechen. Niemand lacht, Sylvan kann nicht einmal jemanden entdecken, der lächelt.
Sein Blick fällt auf das zerbrochene Glas am Boden, das laute Klirren, das er und seine Großmutter noch draußen gehört haben. Es liegt neben dem Stuhl eines alten, zitternden Mannes. Joe. Er hat Parkinson, schon seit einigen Jahren, aber als Sylvan ihn das letzte Mal gesehen hat, war es nicht mal ansatzweise so schlimm wie jetzt.
Die Bemerkung seiner Großmutter zu der trinkwütigen Nachbarschaft war ein Witz, wie ihm jetzt klar wird – wenn seine Großmutter sich vor irgendetwas schützen will, hilft ihr ihr Galgenhumor. Jetzt ist anscheinend so ein Moment, in dem sie nichts an sich heranlassen will. Verständlich. Der Verlust ihres Mannes muss sie innerlich zerreißen.
„Thea?“ Erschrocken zuckte Thea zusammen und verscheuchte die Bilder aus ihrem Kopf. Was war das gewesen? Dieser Junge, dieser Sylvan – sie hatte von ihm geträumt, und von seiner Großmutter. Aber warum sah sie ihn jetzt schon wieder, noch dazu im wachen Zustand? Was hatte es mit ihm auf sich?
„Möchtest du etwas trinken? Ein Wasser?“ Ihr Großvater legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter und drückte sie beruhigend. „Setz dich erst mal auf die Couch, du siehst ja so aus, als wäre dir ein Geist begegnet. Ist schon gut. Wir sind alle etwas durcheinander.“
„Sylvan … dass man dich hier in der Gegend noch mal sieht.“ Überrascht dreht Sylvan sich herum und begegnet Beths spöttischem Blick.
„Hast du auch mal mitbekommen, dass es Grandpa nicht so gut geht? Etwas spät, wenn du mich fragst.“ Seine Cousine stolziert an ihm vorbei, lässt dabei vorsichtig zwei Finger über sein Handgelenk streifen. „Ich habe gehört, bei eurem letzten Treffen habt ihr euch nicht so gut verstanden.“ Sie streicht ihre braunen Haare aus dem Gesicht und sieht ihn aufmerksam an. „Worüber habt ihr denn geredet?“
„Was willst du von mir?“ Sylvan verschränkt die Arme.
Beth lächelt, ein beunruhigendes, raubtierhaftes Grinsen, und stellt sich direkt vor ihn. Sie reckt den Kopf, ihre dunklen Augen funkeln.
„Ich weiß etwas, was du nicht weißt, Sylvan“, flüstert sie in sein Ohr. „Und das ist auch gut so. Du solltest so schnell wie möglich wieder gehen. Ich habe hier alles unter Kontrolle. Grandpa hat es mir erzählt. Ich kümmere mich darum.“ Schnaubend stößt Sylvan sie von sich und sieht auf sie herunter.
„Was soll dieses Theater?“
Schwer atmend reißt Thea die Augen auf. Sie schwankt kurz, doch dann wird ihre Sicht wieder klar. Immer noch steht sie inmitten des Wohnzimmers, aber dieses Mal scheint sie niemand gesehen zu haben bei – ja, bei was eigentlich? Sind das ausgeprägte Tagträume? Hat sie der Buchcharakter Sylvan jetzt so sehr gepackt, dass sie seine Geschichte selbst weiterentwickelt?
Mit wackeligen Beinen durchquert Thea den Raum und lässt sich auf das weiche Sofa fallen. Jetzt geht es um Maggie, und nicht um irgendeinen Typen aus einem Buch.
Doch dann merkt sie, dass sie müde wird, plötzlich und unerwartet, und ohne sich dagegen wehren zu können, verliert sie das Bewusstsein.
Das brünette Mädchen umrundet den Jungen, lehnt sich aufreizend weit nach vorne, steht viel zu nahe an ihm dran, als dass es noch ein normaler Abstand wäre. Thea erkennt den Jungen, erkennt ihn sogar auf die Entfernung und obwohl sie ihn nur von hinten sieht – es ist Sylvan.
Ohne nachzudenken geht sie auf ihn zu und greift ihn am Arm. Überrascht dreht er sich zu ihr herum und starrt sie an, mit weit aufgerissenen Augen. Thea will etwas sagen, doch ihre Kehle ist blockiert. Sie spürt die Stelle, an der sie ihn berührt, überdeutlich, ihr Blut rauscht in ihren Ohren, ihr Herz pocht so laut, dass er es einfach hören muss. So stehen sie da, starren sich an und bringen beide keinen Ton hervor.
„Und wer ist das bitte, wenn ich fragen darf? Dein Püppchen aus der Großstadt?“, ertönt Beths Stimme und Sylvans Cousine mustert Thea mit hochgezogenen Augenbrauen und einer ablehnenden Körperhaltung. Sylvan blinzelt, reißt den Blick von Thea los, und auch Thea muss ihre Aufmerksamkeit notgedrungen dem fremden Mädchen zuwenden. Ihre Hand gleitet von Sylvans Arm und verschwindet in ihrer Hosentasche.
„Das geht dich gar nichts an“, weist Sylvan seine Cousine zurecht, mit einer solchen Arroganz in der Stimme, dass Thea zurückschreckt. Sie hat noch nie ein Wort mit dem Jungen gewechselt, aber trotzdem hat sie das Gefühl, als würde sie ihn kennen – und diese Arroganz passt nicht zu ihm. Auch der überhebliche Blick wirkt nicht so, als würde er wirklich zu Sylvan gehören, sondern erscheint Thea aufgesetzt.
Beth kauft ihm die Show jedoch augenscheinlich ab, denn ihre Gesichtszüge entgleiten kurz.
„Ich interessiere mich doch nur für meinen Lieblingscousin“, erwidert sie dann, doch ihre Stimme klingt unsicherer als vorher. „Da ist Onkel Harry, ich muss was mit ihm klären. Ich seh euch später wieder, Turteltäubchen.“ Mit einem abschätzigen Blick in Theas Richtung gleitet die Brünette davon.

Sylvan atmet tief durch und Thea hat den starken Drang, ihm über den Rücken zu streichen. Irgendetwas sagt ihr, dass er nach dieser anstrengenden Situation ein bisschen Beruhigung vertragen könnte – aber die Vernunft hält sie davon ab, ihn noch einmal zu berühren.

Dann wendet Sylvan sich ihr wieder zu. Seine dunklen Augenbrauen ziehen sich verwirrt über den meerblauen Augen zusammen, und sein ganzes Gesicht drückt ein einziges Fragezeichen aus.
„Kennen wir uns?“, fragt er dann, und Theas Herz beginnt unwillkürlich noch stärker zu pochen. Es ist das erste Mal, dass Sylvan sie angesprochen hat, dass er sie überhaupt wirklich wahrgenommen hat.
Aber er hat auch eine Frage gestellt, auf die sie keine Antwort weiß. Kennen die beiden sich? Ihr Herz sagt eindeutig Ja.

Vielleicht ist es so wie bei den Kugelmenschen, der Idee, die von Platon entwickelt wurde. In alten Zeiten gab es sogenannte Kugelmenschen, die über acht Gliedmaßen und zwei Gesichter verfügten. Da der Gott Zeus ihre Macht jedoch fürchtete, ließ er sie in zwei Hälften spalten. Von da an versuchte jede Seele verzweifelt, ihre andere Hälfte wiederzufinden – ihren Seelenverwandten.
Obwohl Thea nicht religiös ist, gefällt ihr diese Idee. Dass es für jeden Menschen einen anderen gibt, der genau für einen gemacht ist. An dem jede Ecke und jede Kante perfekt passt, wo einfach alles stimmt. Die Chance steht eins zu sieben Milliarden, diese andere Hälfte jemals zu finden, aber die Hoffnung besteht. Vielleicht gehört sie ja zu den wenigen glücklichen Menschen, die den Seelenverwandten finden. Vielleicht ist es Sylvan, ein Mensch, der ihr unbekannt, und doch so vertraut ist. Ihr Gehirn schaltet sich wieder ein, nimmt ihr die rosarote Brille ab und zertritt sie auf dem Boden. Er ist ein Buchcharakter, sagt es. Du drehst durch. Der Tod von Tante Maggie und dieses Gefühlschaos mit Mark waren einfach zu viel für dich. Das alles hier ist nur ein Traum und in Träumen ist sowieso alles schön. Wach auf, Thea. Das hier ist nicht real. Sie sieht zu Sylvan auf, in seine Augen, die dieselbe Farbe haben wie der Ozean an einem besonders stürmischen Tag.  „Nein, wir kennen uns nicht“, sagt sie dann und beißt ihre Zähne zusammen, um nicht dem Drang nachzugeben, die Linie seiner Lippen nachzufahren. Alles in in ihr brüllt danach, ihn zu berühren, aber sie kämpft es nieder. „Tut mir Leid, ich muss dich verwechselt haben.“ Dann dreht sie sich rum, mit verkrampftem Herzen, und verlässt das Haus.

< zurück zu Kapitel 4 | zurück zum Inhaltsverzeichnis | zum nächsten Kapitel >

Advertisements

Ein Kommentar zu “Kapitel 5 – Der nächste Schritt

  1. Hallo und guten Tag,

    hm, irgendwie schon interessant, weil sehr gefühlvoll.

    Aber dieser Thea scheint schon etwas abgehoben in ihrem Empfindung. Vielleicht ist es auch nur das ewige Problem ..das man unbedingt etwas haben möchte, was man eigentlich erreichen kann. Aus bestimmten Aussagen werde ich noch nicht so recht schlau als Leserin.

    LG..Karin..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s