Kapitel 3: Verworrene Gedanken

von Jojo Zajo

Frustriert schloss Thea den Laptop. Woher sollte sie wissen, was das Beste für sie war? Nach fünf Minuten weiteren Nachdenkens beschloss Thea zu lesen. Bis spät in die Nacht hielt sie sich an ihrem Buch fest, und schlief schließlich zu den Klängen des Lieds Hallelujah von Leonard Cohen ein.

Hinter ihr schlug jemand geräuschvoll eine Autotür zu. Sie drehte sich um, zu einem jungen Mann, der gerade aus einem gelben VW-Käfer ausgestiegen war und jetzt mit einem wehmütigen Ausdruck auf dem Gesicht auf Thea zukam. Ohne etwas zu sagen sah er den Möwen bei ihrem Fangenspiel zu. Weiter hinten im Ozean erhoben sich die Old Harrys. Thea genoss gerade den salzigen Geschmack auf ihren Lippen, als sie ein tiefes Gefühl der Beruhigung durchströmte. Sie blickt erneut zu dem jungen Mann und wunderte sich gleichzeitig, warum noch niemand von ihnen etwas gesagt hatte. „Ähm… Hi. Bist du öfter hier?“ Im selben Moment schämte sie sich noch für diese plumpe und ungeschickte Anrede. Doch der Angesprochene ignorierte sie vollkommen. Daraufhin beschloss Thea, die Situation nicht noch unangenehmer zu machen, und ging zu ihrem Auto. Der Mann folgte ihr. Nach einem kleinen Seufzer seinerseits wurde alles schwarz.

Wow, ist dieser Garten ungepflegt.“, war das erste, was sich Thea dachte, als sie plötzlich durch ein Fenster in einen Vorgarten sah, in dem alles durcheinander zu wachsen schien. Doch der Grund, warum sie hinaussah, war, dass draußen jemand eine Autotür zugeworfen hatte. „Sylvan…“ Ein wehmütiges Seufzen entfuhr ihr. Als sie nach draußen ging, blieb Sylvan stehen. Im absolut gleichen Tonfall murmelte er: „Grandma…“ Thea wurde schwindlig. Das nächste was sie mitbekam war ein kurzer Wortwechsel. „So wie du… So wie dein Großvater…“ Dieses Mal stahl sich ein trauriges Lächeln auf ihr Gesicht. Warum? Kurze Bilder, von einem älteren Mann, der immer wieder die Worte „Es ist noch zu früh…“ wiederholte. Thea erinnerte sich, dass dieser Mann sehr geliebt worden war. Plötzlich spürte sie ein kurzes Ziehen in der Brustgegend und war wieder Beobachter des Geschehens. Schade, denn nun konnte sie die zwei, die sich mittlerweile auf den Weg ins Innere des Hauses gemacht hatten nicht mehr verstehen. Als sie bei dem Versuch, ihnen zu folgen, auf eine Dornenranke, die sich irgendwie zwischen den Zaunbrettern aus dem Grundstück verirrt hatte, stieg, fing sie zu ihrem Bedauern zu fluchen an. Sylvan dürfte das gehört haben, und hielt inne, sah in ihre Richtung. Plötzlich spürte sie ein seltsames Kribbeln, ausgehend von ihrem Herz, währen Sylvan sie direkt anzustarren schien. Dann wurde erneut alles schwarz.

Sylvan stieg hinter ihr die Treppen hinauf zum Haus. Er hielt inne, als er glaubte eine Bewegung am Zaun wahrgenommen zu haben. Aber als er genauer hinsah, war dort gar nichts.

Von dem nervtötenden Klingelton „Nyan Cat“ aufgeweckt, hatte sie erst einmal einen riesigen Schock zu verarbeiten. Irgendwie musste sie gestern Abend vergessen haben ihr Handy auszuschalten. Leicht genervt dachte sie, dass es ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung verlangt, um das verursachende Gerät nicht sofort an die nächstbeste Wand zu werfen. Nach einer kurzen Schockstarre griff sie endlich zum Handy und sah, wer anrief. Tante Maggie? Schlaftrunken drückte sie auf annehmen und meldete sich mit: „Hey, Tantchen. Schön dass du dich mal wieder meldest. Die einzige Frage, die ich mir stelle, ist: Warum zu dieser Uhrzeit?“ „Schön, dass du dich mit Margret so gut verstanden hast, Thea.“ Kurzer Moment Stille. „Onkel Andreas? Wieso… Was machst du mit Maggies Handy? Und wieso… wieso verstanden hast?“ Als Andreas wieder zu sprechen anfing, bemerkte Thea, dass er leicht lallte. „Naja, ich wollt mich bei ihr für das wa‘ ich ihr antan hab, entschuldign, und wollt sie zum Essn ausführn. Auf der Autobahn dann isses passiert… Der LKW hat uns übersehn… sie hat das abbekomm‘, was eigentlich mir hätte passiern müssn…“ In der kurzen Pause, die entstand, konnte man die Glasflasche hören, die Andreas wegstellte. Theas Gedanken schweiften ab. Ihr Onkel hatte Maggie damals mit seiner Sekretärin betrogen, worauf sie ihn dann aus der Wohnung schmiss und die Scheidung einreichte. Sehr klischeehaft, aber irgendwo müssen die doch auch ihren Ursprung haben. Die ganze Familie wollte dann nichts mehr mit dem Mann zu tun haben und soweit man es mitbekommen konnte, war es ihm ganz recht. Die Nachricht von dem Unfall sickerte jedoch nur langsam zu Thea durch. Als sie es endlich begriffen hatte, was ihr Onkel da gesagt hatte, hatte dieser bereits wieder zu reden begonnen. „Während ich mit vier gebrochenen Rippen davonkommen bin, is ihr Begräbnis nächsten Mittwoch…“ „Begräbnis…? Andreas, was redest du da? Wessen Begräbnis?“ Kurze Atempause. Thea begriff. „Oh.“ „Die Ärzte konntn nix mehr machen… Noch am Unfallort wurde ihr Tod festgestellt.“

Ein Teil von Thea wollte es nicht wahrhaben, dass Maggie nun nicht mehr da war. Die nächsten Stunden verbrachte sie wie in einer Blase, nachdem sie kurz Mark und Bell eine Nachricht geschrieben hatte, was geschehen war, schaltete sie ihr Handy aus und verkroch sich mit ihren vielen Polstern und Kuscheltieren im Bett.

Sie schlief ganze zehn Stunden, nachdem sie sich ausgeweint hatte, und ganz erschöpft eingeschlafen war. Auch dann weckte sie nur ein Klopfen an der Tür, ohne welches sie vielleicht noch länger geschlafen hätte. Ohne auf eine Antwort zu warten, schob sich Mark durch die halb geöffnete Tür. In diesem Moment schossen Thea die absurdesten Gedanken durch den Kopf. Gibt’s unter Jungs den Begriff lesbische beste Freundinnen? Was hab ich gestern gegessen? Wie stylt Mark seine Haare? Während sie darüber nachdachte, warum sie diese Gedanken hatte, fragte sie sich, warum sie diese Gedanken hatte. Als ihre Erinnerungen wieder über sie hereinbrachen, schossen ihr die Tränen in die Augen. Endlich meldete sich der Besucher: „Kleine, es tut mir so leid für dich. Du hast mein Beileid.“ „Danke.“ Sie fühlte sich irgendwie seltsam, als sie das sagte, doch was hätte sie sonst sagen sollen? Ihre Gedanken wurden immer verworrener, bis Thea letztendlich schwindlig wurde, und ihr die Tränen über die Wangen rannen.

Vage bekam sie mit, dass Mark sie in den Arm nahm. Sie murmelte irgendwas Unverständliches, doch der Junge fragte nicht genauer nach. Irgendwann, als Thea wieder genug Luft holen konnte, um zu sprechen, fragte sie: „Was denkst du gerade?“ Die Stille wurde mit jeder Sekunde seltsamer. Bis sich Mark endlich erbarmte und antwortete: „Ich weiß nicht, ob du das unpassend findest, wenn wir jetzt ins Bett gehen würden. Sozusagen als Trost…“ Mit feindseligen Blicken brachte Thea ihn zum Verstummen. „Was ist? Sonst hast du auch nichts dagegen. Ich meine, ich kann’s natürlich verstehen wenn du nicht willst, aber du kannst es ja auch sagen.“ „Schon gut, ihr Jungs seit sowieso zu dumm um irgendwas zu kapieren, was in eurer Umwelt abgeht.“ „Thea, Kleine, ich bin hier um dich zu trösten! Klar, wenn es dich glücklich macht, mir vorzuwerfen, ich sei zu beschränkt, um etwas zu checken, mach nur, doch ich würd‘ gern wissen worauf du hinauswillst.“ „Nenn‘ mich nicht mehr Kleine!“, fauchte Thea aufgebracht. „Wieso denn? Du hattest bis jetzt auch kein Problem damit. Weißt du was? Erzähl mir einfach, was dich bedrückt.“ „Das geht nicht so einfach… das ist kompliziert.“ Nun war es an Mark, aufgebracht zu reagieren. „Dann erkläre es mir! Denn ich bin gar nicht so dämlich, wie du glaubst!“ Als Thea keine Antwort mehr gab, stand Mark auf. „Ehrlich gesagt, ich hab jetzt keine Lust mit dir zu streiten. Da du aber keine Anstalten machst, irgendetwas zu sagen, werde ich jetzt gehen. Anscheinend ist dir unsere Freundschaft nicht so viel wert, wie ich gedacht habe. Ciao, Thea. Bis nach den Feiertagen. Ich gehe jetzt.“ Thea schluchzte laut auf. Mark zog die Zimmertür hinter sich zu und lehnte sich dagegen. Er rutschte an den Rahmen gelehnt bis zum Boden, wo er sitzen blieb. Diesen Streit hatte er nicht gewollt. Thea starrte zur Tür. Minuten vergingen, bis sie endlich, flüsternd, hervorbrachte:

Aber, ich liebe dich doch…“

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16 Kommentare zu “Kapitel 3: Verworrene Gedanken

  1. Find ich interessant, was du aus dem Anfang gemacht hast. Ich frag mich grad, ob die arme Tante Maggie nur sterben musste, damit Thea ihre Liebe gesteht ^^ Und noch besser: Ich hab mich grad vor lachen nicht mehr gekriegt, als ich gelesen habe „ins Bett gehen“. So plump und wenig einfühlsam hatte ich Mark nicht im Sinn xD

    • Naja, ich muss ehrlich sagen, dass es nicht so geworden ist, wie ich gern gewollt hätte, aber ich hatte ein paar „Komplikationen“ während meiner Schreibzeit.
      Was aus dem Anfang noch wird? Keine Ahnung. Das liegt nicht mehr in meiner Hand. Es war lediglich ein kleiner „Anstoß“ für die nächste Autorin. Und das mit Mark… ich hatte in letzter Zeit viel mit Jungs zu tun, die sentschuldigen i drauf sind. Es tut mir leid, wenn ich ihn nicht so dastehen hab lassen, wie es erwartet worden ist, aber die nächste Autorin könnte ihn ja wieder in ’nem anderen Licht dastehn lassen. Ausserdem hab ich irgendwie Probleme, dass ich mich „unplump“ ausdrücke, vor allem in diesem Gebiet, da ich noch relativ jung bin 🙂
      LG, Jojo ^^

      • Wie hattest dus denn gewollt?
        Ja das mit den Komplikationen hab ich mitbekommen, dir ist doch die Datei flöten gegangen, nicht?
        Nun erwartet hätte man es so nicht unbedingt, ich zumindest nicht. Und du musst dich nicht für dein Alter daraus resultierende Inhalte der Geschichte entschuldigen. Jeder muss seine Erfahrungen machen und die kommen nunmal mit der Zeit :3

      • Naja, nicht unbedingt so, wie es geworden ist 🙂
        Hm, ja die Datei. Insgesamt 3 mal. Wenigstens bekomm ich bald ’nen neuen Rechner. Hoff ich. Bis dahin muss halt Mum’s daran glauben.
        Wie gesagt… jeder kennt andere Jungs. Ich halt vorwiegend solche. 🙂

      • Das wollen wir doch mal stark hoffen.. 😉 Aber ich finde es gar nicht so schlecht, wie Mark jetzt dargestellt wird. Vielleicht entwickelt er sich ja im Lauf der Geschichte weiter..?

  2. Huch. Da hatte aber jemand einen Stimmungsumschwung, aber der kriegt sich bestimmt bald wieder ein. Finde gut, dass du das fast Geständnis zur Sprache gebracht hast. 🙂
    Finde das Kapitel ist gut geworden. Ich glaube wenn mein Klingelton aus Nyan Cat bestehen würde, würde ich irgendwann den Verstand verlieren. Da sollte sie mal dringend was gegen tun.
    Ist aber wirklich gut geschrieben.

    Alles Liebe,
    Ellen

    • Wow, Danke Ellen! 🙂
      Ich grinse grad so richtig, da es hier so viele nette un tolle Leute gibt, die so nette und tolle Sachen sagen. 😀
      Und ja… Nyan Cat. Dieses „Lied“ ist bei mir mit vielen Erinnerungen verbunden. Gute, sowie schlechte. *hüstel*Wecker*hüstel*

      Danke nochmal, Jojo 🙂

      • Man kann gute Erlebnisse mit diesem „Lied“ haben? xD 😀
        Btw nachdem sie bei mir Bob Marley als Klingelton hatte, sollten wir in Zukunft darauf achten, dass es nicht absurd wird. Vielleicht haben bestimmte Personen einen eigenen Ton? Aber wenn Thea in jedem Kapitel nen neuen Klingelton hat ohne jede Erklärung, wirds unglaubwürdig ^^
        Ansonsten nochmal: Ich find das Kapitel auch toll, wie gesagt. Das mit Mark fand ich sehr belustigend :3

      • Na, wenn es doch wahr ist. 🙂
        Das als Wecker zu nehmen ist ja Folter. 😀
        Wenn ich das Lied höre denke ich an…hm eigentlich habe ich immer gleich die verschiedenen Video-Varianten davon vor Augen. 😀

  3. So, das zweite Kapitel hat mir wirklich sehr gut gefallen, jetzt bin ich gespannt auf das dritte.

    Ach je, jetzt kommt auch noch eine dritte Ebene dazu. Da muss man ja auch noch beim Lesen aufpassen 😀

    „Plötzlich spürte sie ein seltsames Kribbeln, ausgehend von ihrem Herz, währen Sylvan direkt sie anzustarren schien.“
    Da ist ein Dreher drin. Das sie muss vor direkt.

    Ein bisschen seltsam ist das ja schon, dass Thea sich so gar nicht über den Traum wundert. Man sollte doch meinen, dass die Parallelen zwischen dem Inhalt ihres Buches und dem was sie träumt bemerkt. Es ist ja wirklich identisch.

    Dafür das der Onkel betrunken ist, kann er sich ja noch ganz schön gewählt ausdrücken 😉

    „Nenn’ mich nicht mehr Kleine!“, pfauchte Thea aufgebracht.
    –> Fauchen schreibt sich ohne P

    Mh… irgendwie finde ich das Kapitel ein bisschen verwirrend muss ich sagen.
    Erstmal kann ich Thea in diesem Kapitel nicht verstehen, aber das war ja teilweise vorher auch cshon der Fall. Wieso schläft sie nach dem Telefonat mit ihrem Onkel einfach ein? Wenn mein Onkel mich anrufen würde und mir erzählt, dass meine Tante gestorben ist, dann würde ich sofort zu meiner Mutter rennen bzw in meinem Fall sie anrufen.

    Auch verstehe ich die Szene mit Mark nicht. Thea meldet sich bei Bell und Mark, nicht aber bei ihrer Mutter, mit der sie in einem Haus lebt. Dann kommt Mark vorbei mit dem Gedanken ihr beizustehen, weil ihre Tante verstorben ist und als sie aufhört zu heulen fragt er sie salopp formuliert „Willst du fi**en“. Versteh ich das richtig?

    Und was meint er damit, wenn er sagt „sonst hast du ja auch nichts dagegen…“? Heißt das, die beiden sind nicht zusammen, aber haben trotzdem Sex (und Thea verschweigt das Isabell)?

    Fragen über Fragen, die sich im letzten Abschnitt ergeben, den ich leider nicht verstanden habe.

    Beste Grüße,
    Julia

    • Ohne dir zu nahe treten zu wollen, aber dass Thea in Mark – ihren besten Freund! – verliebt ist und Sex mit ihm hat, erzählt sie Isabell ziemlich zu Beginn des zweitens Kapitels, das du nur kurz zuvor gelesen hast ^^
      >„Nur gute Freunde, ich weiß. Das sagst du ständig. Aber mit einem guten Kumpel steigt man nicht ins Bett. […]“<, ist es was Isabell darauf sagt.
      Ansonsten gebe ich dir aber Recht mit den "Unstimmihgkeiten" was die Kommunikation mit der Mutter und Marks Worte betrifft.

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